Interview mit der Kommunikations-designerin Andrea Steckert aus Hannover zum Thema Kunst in Unternehmen

„Wo kommen wir her als Organisation, wo stehen wir, wo wollen wir hin?“
„Wir müssen ganz viele Antworten auf Fragen finden, die sich bis heute noch nie so stellten!“

pastedgraphic-1-1Heute sitze ich mit Andrea Steckert zusammen, um von Ihr etwas über die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern in Unternehmen und Organisationen zu erfahren. Sie ist systemische Organisationsentwicklerin, Managementcoach, Kommunikations- und Prozessdesignerin, sowie Großgruppenmoderatorin. Alle Fotos in diesem Beitrag sind von Andrea Steckert >>>


Guido Kratz:

Ich möchte dich erst einmal fragen, ob du kurz deine Tätigkeit beschreiben kannst. Ich habe zwar im Internet schon ein wenig recherchiert, aber ich weiß ja nicht ob sich das, was ich da recherchiert habe, mit dem deckt was du wirklich machst.

Andrea Steckert:
Hhm, was ich wirklich mache … ich bin momentan in Projekten am Pestel Institut und auch freiberuflich tätig. Konkret unterstütze ich Führungskräfte in Unternehmen, Organisationen und öffentlichen Institutionen, wie z.B. Kommunen und Ministerien. Ich unterstütze sie professionell in deren Projekten zu unternehmensrelevanten, gesellschaftspolitischen und sozialen Kulturentwicklungen. Dies tue ich durch Beratung, Konzeption und Durchführung von Prozessdesigns, Workshops, Coachings, Führungskräfte-Seminare, Vorträge, usw. Seit einigen Jahren bin ich verstärkt zur werteorientierten und Nachhaltigkeit fördernden Kulturentwicklung insbesondere im Klimaschutz gefragt. Die schlichte Frage „Wo kommen wir her, als Mensch, Team oder Organisation, wo stehen wir heute und wo wollen wir hin?“ verbunden mit unserer gesunden Entwicklung war und ist für mich zentral. Ich habe mich immer gefragt: „Wie kann das Wissen dazu aus der Organisationen, aus den Menschen, die dort arbeiten heraus, zur Entfaltung gebracht werden? Und mit welchen Methoden kann ich diesen kreativen und oft innovativen oder gar transformierenden, sich selbst steuernden Prozess unterstützen?“ Die Erkundung und Entwicklung dieses Feldes hat sich sehr schnell als meine Profession heraus gestellt. Diese Arbeitsfragen faszinieren mich bis heute. Ich sehe mich daher im angewandten Bereich der Kunst, also Design und in der Beratung. Bis in die Anfangsjahre meiner beruflichen Tätigkeit, habe ich tatsächlich auch als freie Künstlerin gearbeitet, zeitweise in einer Künstlergruppe. In diesen Jahren habe ich ganz frei meine Möglichkeiten mit Hilfe der Kunst erforscht – freies Denken und Tun, sowie kreatives Arbeiten mit Gleichgesinnten schätzen und lieben gelernt. Seither hat mein Lernen zu dem Thema eigentlich nicht mehr aufgehört. Es gab allerdings unterschiedliche Anliegen und Fokussierungen in den Zeiten. Ich bin Kommunikationsdesignerin, systemische Organisationsentwicklerin sowie systemischer Management-Coach und arbeite auf dieser Basis seit über 25 Jahren als Beraterin und Prozessdesignerin in Strategieentwicklungsprozessen und als Großgruppenmoderatorin. Dies ist mein Handwerks- und mein Rüstzeug, welches sich ständig weiterentwickelt.

Guido Kratz:
Da hast du selber frei künstlerisch gearbeitet?

Andrea Steckert:

Genau, da hatte ich auch ein paar Ausstellungen und so. Das war aber nicht hundertprozentig meins. Ich wollte meine Kreativität lieber dafür einsetzen, Menschen und Gruppen, in ihrer persönlichen Entfaltung und professionellen Entwicklung zu unterstützen. Bei der freien künstlerischen Arbeit, insbesondere der Malerei, war es eher so, dass diese Phase etwa ab dem Alter 16 bis etwa 30 Jahre meine eigene Entwicklung unterstützt hat. Selbsterfahrung war sicherlich ein wichtiger Aspekt dabei. Allerdings war meine Motivation, dass ich einfach wirklich schöne Bilder malen und mit meinem Umfeld dies schön gestalten wollte. Dazu muss ich sagen, dass meine Bilder und Aktionen von meinen Mitmenschen nicht immer als „ästhetisch schön“ empfunden wurden, sondern teilweise sogar als sehr provozierend. Heraus kamen überwiegend abstrakte Arbeiten, die nicht zweckgebunden waren, die mir von sich aus etwas über die Welt und auch mich erzählt haben. Das war eine sehr überraschende Erfahrung für mich, von der ich bis heute profitiere. Diese Quelle ist mir bis heute zugängig. Dann wurden meine beiden Kinder geboren und ein neues, riesiges Erfahrungsfeld tat sich für mich auf. Heute würde ich sagen: in meiner frei künstlerischen Tätigkeit wurde für mich zum ersten Mal die spirituelle Dimension und diese Qualitäten meines Wirkens erlebbar und im außen sichtbar. Vor zwei Jahren habe ich auf neuer Ebene daran angeknüpft und entwickle meine Praxis und professionelle Kompetenz in Transparenter Kommunikation, bei Thomas Hübl, in einer Ausbildungsgruppe von 120 Menschen. Hier geht es mir um die Frage der Verfeinerung subtiler Wahrnehmungs- und Kommunikationskompetenzen, der Arbeit mit Intuition in komplexen Zusammenhängen und mit Achtsamkeitspraxen. Ich integriere dies zunehmend in meine professionelle Prozessunterstützung.

Systemisch arbeiten

Guido Kratz:
Ich habe gelesen, dass du auch systemische Prozesse begleitest.

Andrea Steckert:
Ja genau. Es gibt es verschiedene Beratungsformen oder Herangehensweisen, wie man Menschen, Teams und auch Organisationen in ihrer Entwicklung praktisch unterstützen kann. Die systemische Haltung ist die, dass das gesamte soziale System der Organisation im jeweiligen Kontext mit in den Blick genommen wird, wenn man die Organisation in ihrer eigenen Entwicklung unterstützt und berät, mal ganz grob gesprochen. Ich habe das tatsächlich seinerzeit als dreijährige Ausbildung für mich dazu genommen, weil die Lösung der Frage: „Wo kommen wir her, wo sind wir eigentlich, wo wollen wir hin?“ allein aus dem Kommunikationsdesign heraus nicht zu unterstützen ist, fand ich. Insbesondere, weil ich diesen Zwischenschritt genommen habe, prägt dies meine Arbeit heute auch noch ganz wesentlich. Zum Beispiel habe ich Großgruppenmoderation, bei einer älteren Kollegin gelernt, die du ja auch kennst. Ingrid Ebeling, sie ist eine sehr kluge Organisationspsychologin, die Anfang der neunziger Jahre die Großgruppentechnologie Open Space von dem Erfinder Harrison Owen, aus Amerika nach Deutschland gebracht hat. Ich habe sie zehn Jahre lang immer wieder begleitet. Bei ihr habe ich gelernt, wie man große Gruppen über unterschiedliche strukturierte Verfahren in ihren Selbstorganisationsprozessen unterstützen kann. Darauf aufbauend habe ich mein Methodenrepertoire, insbesondere in Bezug auf kreative Verfahren bis heute immer weiter ausgebaut und entwickelt. In diesem Bereich hat sich während der vergangenen Jahre generell sehr viel getan. Denken wir nur an den gesamten Zweig des Design Thinking, ein regelrechter Boom. Das ist eine tolle Methode, oder besser ein Ansatz, der iterative Prozessabläufe und schnelle Prototyping-Phasen beinhaltet, die wir aus der Designpraxis bzw. dem künstlerischen Arbeiten kennen. Ich baue Bausteine hieraus sehr gern in Prozessdesigns ein.


Durch den evolutionären Druck der Globalisierung und der notwendigen Transformationsprozesse beginnt sich momentan viel Wissen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, z.B. der Psychologie, der Neurowissenschaften, der Physik und anderer Wissenschaften sowie westlicher und östlicher Weisheitstraditionen, zu verschränken. Ich finde das großartig. Hier finden gerade enorme Entwicklungsprozesse hinsichtlich der Methoden statt, mit denen wir dir dringend notwendige Entwicklung noch besser unterstützen können. Ein bekanntes Beispiel sind Sozialtechniken aus der Theory-U von Klaus Otto Scharmer (Professor am MIT in Boston). Hier wird sehr kreativ u.a. auf der Ebene von individueller und kollektiver Bewusstseinsentwicklung arbeitet, die wir zum Systemwandel bzgl. komplexer Fragen wie dem Klimawandel brauchen, aber auch ganz konkret für Organisationen und Unternehmen. Scharmer und sein Team unterstützen eine sehr große, weltweite Community, zu der ich auch gehöre, in der Frage: Mit welchen Prozessen bekommen wir eigentlich die Menschheit in ihrer gemeinsamen Veränderung, im Kontext der großen Transformation unterstützt. Also im Umbau der Lebens- und Wirtschaftsweisen hin zu einer globalen, nachhaltigen und somit auch klimafreundlichen Gesellschaft. Da gibt es verschiedene Prinzipien, Prozessebenen, Prozessabschnitte, Methoden mit denen man arbeiten kann, u.a. auch viele künstlerische Praxen. Es gibt natürlich noch viele offene Fragen.


Guido Kratz:

Mir ist gerade aufgefallen, du hast jetzt schon zweimal den Satz gesagt: „Wo kommen wir her, wo stehen wir im Moment?“ Und da gibt es ja den Satz, der in der Kunst häufig verwendet wird: „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“ Das ist aber natürlich in einem ganz anderen Sinne gemeint. Auf den Mensch bezogen, wo komme ich eigentlich her, also vor meiner Geburt, gibt es einen Himmel, gibt es keinen? Wo gehen wir hin, also wo die gleiche Frage sich wieder anschließt. Das hat ja schon immer die Künstler beschäftigt.

Andrea Steckert:
Also ich sage mal so, das schwingt schon auch mit, beziehungsweise das ist der ganz große Rahmen. Irgendwann im Laufe meiner Arbeit habe ich begonnen, ganz konkret mit den Unternehmen an ihren Fragestellungen zur Entwicklungsstufe des Unternehmens zu arbeiten. Wo stehen wir? Was sind wir überhaupt für ein Unternehmen hinsichtlich Unternehmens-Kultur und -Werten? Was wäre die nächste Stufe, was ist unsere Vision? Wie richten wir uns strategisch aus? Und wie können wir diesen Entwicklungsprozess in dieser Phase optimal begleiten? In diesem Klärungsprozess haben wir auch mit künstlerischen Elementen gearbeitet. Aber das ist noch sehr eng gedacht. Wenn wir diesen Denkrahmen immer weiter aufspannen, und das müssen wir im Moment z.B. bei der Frage: Wie können wir als Menschheit auf diesem Planeten nachhaltig leben und wirtschaften? Da kommt man dann automatisch immer weiter an den Rand und spannt das Feld immer weiter auf, hin zu deinen Fragen: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was ist hier unsere Aufgabe als Organisation, was ist meine Aufgabe in dieser Welt – heute und morgen? Und dann tangieren wir auch in einem spirituellen Bereich. Im Businessbereich ist das noch ungewohnt. Aber das ist ein Bereich, für den sich Künstler schon immer interessiert haben. Also nicht nur Wissenschaftler, nicht nur Einstein oder Hans Peter Dürr in der Quantenphysik, haben sehr diese Richtung gedacht, sondern vor allem Künstler denken schon urlange in diese Richtung. Man kann sagen, es ist eine Kernkompetenz der Kunst. Was ist der ganz große Rahmen, in dem wir hier eigentlich agieren. Bei mir persönlich und in meiner beruflichen Arbeit ist die Beschäftigung mit dieser Frage tatsächlich durch mein Tun im Klimaschutz stark gewachsen. Dieser Rahmen hat sich weiter ausgedehnt. Um globale Fragestellungen überhaupt einbeziehen zu können und in mein tägliches unternehmerisches, kommunales oder auch persönliches Handeln als Bürgerinnen einbeziehen zu können, muss ich diesen Rahmen ganz weit aufspannen. Denn sonst interessiert es mich nicht wirklich, ob die Polkappen gerade abschmelzen oder nicht. Das Internet macht uns die Erweiterung der Dimensionen vor, aber realistisch betrachtet stehen wir hier noch sehr am Anfang und stoßen als einzelne Menschen täglich an unsere Kapazitätsgrenzen. Das macht es ja für die einzelnen Menschen so unglaublich anstrengend, den rasanten Entwicklungen zu folgen. Ohne die Intelligenz der Vielen, der Kooperation, werden wir meines Erachtens die größten Herausforderungen nicht lösen. Da kommen wir wieder zur Großgruppenarbeit.

Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen in Strategieentwicklungsprozessen

Guido Kratz:
Hast du denn schon einmal mit Künstlern und künstlerischen Prozessen zusammengearbeitet? Zum Beispiel in Unternehmen? Oder bei Bürgerbeteiligungen?

Andrea Steckert:

In Unternehmen direkt habe ich tatsächlich eher mit angewandter Kunst gearbeitet. Aus dem Bereich Design heraus. Freier wurde es insbesondere dann, wenn wir in Partizipationsverfahren zur kreativen Entwicklung gearbeitet haben.

Guido Kratz:
Und was war das genau?

Andrea Steckert:
Wir haben zum Beispiel mit Collage Techniken gearbeitet, auch Visions-Bilder oder Moodboards (Anmutungsprofile) erstellt. Das ist häufig zwischen freier Kunst und Handwerk angesiedelt.

Bei der Präsentation anerkannter freier Kunst ging es im Grunde genommen immer darum, zu inspirieren und durch Impulse den kreativen Denk-Prozess zu unterstützen. Bspw. auch um Reflexion anzuregen, zur Frage „Wo stehen wir gerade heute und wo wollen wir hin?“ Oder der Frage: „Wie sehe ich eigentlich meine Organisation?“ Es ging darum, gemeinsamer Reflexion Raum zu geben – neue Perspektiven zu öffnen. Letzteres haben wir z.B. durch Fotoarbeiten unterstützt, in bestimmter Weise gestaffelte Fotosequenzen, welche geeignet waren gewohnte Perspektiven und Denkmuster zu durchbrechen, indem in eine Fotoreihe überraschende frei künstlerische Positionen (Bilder) eingemischt wurden. In deinem Interview mit Till Steinbrenner spricht er davon, dass „alles immer auch ganz anders sein könnte, nichts ist wirklich festgeschrieben“. Die gewohnte Sicht auf die Dinge aufzubrechen, zu irritieren, zu hinterfragen, zu experimentieren, manchmal auch bestehende Verletzungen der Organisationskultur oder gesellschaftlicher Kultur zu heilen – hier können künstlerische Praxen oder auch Verfahren aus der Gestalttherapie Anwendung finden. Künstlerinnen die im Bereich der Sozialen Plastik, nach Beuys, arbeiten sind hier großartige Partnerinnen im Prozess. Auch ihrer Praxen haben wir uns schon im angewandten Bereich bedient.

In Prozessdesigns für Konferenzen – wie z.B. bei der Internationalen kommunalen Klimakonferenz (ICCA2016) im vergangenen Jahr, die in Vorbereitung auf die Pariser Klimaabkommen erfolgte – binde ich wenn möglich mit meinen Teams übrigens auch freie Künstler und Künstlerinnen ein, die mit ihren künstlerischen Positionen und Arbeitsweisen dem wissenschaftlichen und politischen Konferenz-Dialog neue Perspektiven aufzeigten, in diesem Fall auf den Klimawandel.

Der Unterschied zwischen angewandten und freien Künsten in der Prozessunterstützung

Guido Kratz:
Also in angelsächsischen Ländern ist es zu Beispiel so, dass zwischen der angewandten oder freien Kunst nicht so stark unterschieden wird wie bei uns in Deutschland. Gerade zwischen Kunsthandwerk und Kunst da sind eher fließende Unterscheide, da wird nicht so strikt getrennt. In Deutschland ist man in der einen Organisation als Kunsthandwerker organisiert und Künstler in einer anderen. Und die dürfen möglichst auch nichts miteinander zu tun haben. In dem Zusammenhang würde es mich interessieren, ist es denn für dich überhaupt wichtig, wenn du künstlerisch arbeitest, ob dies mit angewandter Kunst oder freier Kunst geschieht?

Andrea Steckert:
pastedgraphic-21-1Also zunächst mal, während ich überlege was der Aufgabe nützt, gibt es für mich keine Begrenzung in der Form, dass ich sage, ich würde mich nur in dem einen oder anderen bewegen. Wo ich diese sorgsame Betrachtung und auch Abgrenzung für sehr sinnvoll halte, ist in dem Moment wo ich schaue, was kann ich von dem einen oder anderen erwarten. Also wenn ich Künstlerinnen beispielsweise in Prozesse hereinhole, sowohl bzgl. angewandter als auch freier Kunst, dann sind es, denke ich, unterschiedliche Qualitäten, die ich erwarten kann. Das ist schon sinnvoll. In deinem Interview mit dem Till Steinbrenner wurde ja auch gesagt, die Möglichkeit des ganz freien Denkens, also ohne jegliche Beschränkung, die der Künstler hat und was auch von ihm erwartet wird, das ist eben der große Unterschied zur angewandten Kunst. Die angewandte Kunst ist auftragsbezogen. Da ist es tatsächlich so, dass mit dem Auftraggeber, sei es nun ein Unternehmen, eine Organisation oder eine Kommune, ein Ziel verfolgt wird, nämlich einen Prozess in einer auf das angestrebte Ergebnis bezogenen, bestmöglichen Art und Weise zu unterstützen. Sei es nun, dass ein Logo oder ein Unternehmensimage kreiert wird oder dass ein interner Entwicklungsprozess unterstützt wird. Da steht dann eben einfach am Ende die Anforderung, dass dieser Prozess zielführend unterstützt wurde. So, dass das gewünschte, vereinbarte Ergebnis erreicht ist. Wieweit man dabei den Zielkorridor spannt, ob der Prozess bspw. sofort oder erst in drei oder vier Jahren wirken soll – das ist die zweite Frage. Und gerade bei Langzeitprozessen, die auf Bewusstseins- und Verhaltensveränderungen abzielen, ist der interessante Punkt, dass hier u.U. auch freie Kunst mit Einzug in diese Prozessgestaltung halten kann.


Da kommen wir nochmal zu dem Punkt „Was bin ich?“. Ich sehe mich heute als Prozessgestalterin für Transformationsprozesse, insbesondere zur Erlangung von Nachhaltigkeit auf ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Ich binde freie und auch angewandte Künstlerinnen in diese Prozesse ein. Freie Künstlerinnen bspw. wenn ich meine, dass wir von ihnen und ihren Werken lernen können. Oder wenn ich eine Intervention plane, die wirklich jeglichen Rahmen sprengen soll (kreative Zerstörung des Bestehenden), weil es nach fachlichem Ermessen an dieser Stelle im Prozess notwendig erscheint. Dies halte ich manchmal für sinnvoll, auch wenn die Wirkung gerade hier meistens nicht oder schwer messbar, belegbar ist. Auftraggeber und Auftraggeberinnen mögen das oft nicht, denn hierfür braucht es kalkulierte Risikobereitschaft und oft auch den Mut ungewohntes zu wagen. Dafür braucht es viel Vertrauen in die Kompetenz der Prozessbegleiter. Es braucht nachgewiesene, solide Kenntnisse dazu wie die vielfältige Klaviatur der Kunst- oder Kulturinterventionen zu spielen ist, die zur Verfügung steht. Es braucht Menschen, die sich damit auskennen und über eigene Erfahrung verfügen und mit kompetenten Teams arbeiten – so wie mich. In dem Moment, wo ich Prozesse auf einem sehr hohen Qualitätslevel begleiten will und ich gezielte Wirkungen erzeugen soll, ist es für mich notwendig zu wissen, welcher Mensch für welche Art von Kunst oder Kultur verantwortlich steht, was ich da einbinde und worauf ich mich einlasse.

Guido Kratz:
Mich hat schon immer beschäftigt, wenn du als Künstler irgendwo engagiert wirst und man soll einen Prozess unterstützen, dann ist es meistens so – zwei Stunden Zeit, mehr ist nicht drin. Am besten aber noch in einer Stunde, weil alle ihre Ressourcen schonen wollen. Für mich ist das oft der Punkt, an dem es nicht funktionieren kann. Du hast eben von Qualität und von Zeiträumen gesprochen. Wie ist deine Erfahrung: Braucht gute Begleitung von angewandter oder freier Kunst zwingend Zeit oder kann das auch in einem Moment passieren?

Andrea Steckert:
Also das kann man glaube ich, nicht pauschalisieren. Je nachdem was ich erreichen will. Ganz angewandt gedacht, je nachdem was hinten herauskommen soll. Danach bestimmt sich dann was geht und was nicht. Wenn du sagen kannst, zum Beispiel als freier Künstler: „ich kann das in einer halben Stunde machen, oder in einer Stunde oder in einem Tag“, dann gehe ich davon aus, dass du das vor dem Hintergrund deiner Kompetenz verantwortlich sagst. Und wenn du sagst es geht nicht, dann geht es nicht.

Guido Kratz:
Dann will ich nochmal präzisieren: Wenn der Künstler das alleine macht, o.k. Dann kann man sagen, das schaffe ich in einer halben oder einer Stunde. Kein Problem, aber wenn ich mit Menschen arbeite, die zudem auch noch künstlerische Laien sind und ich will einen Prozess fördern und hinterher muss nicht zwingend ein bestimmtes Ergebnis dabei herauskommen, dann sind ja viele Dinge offen – und ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass da Zeit hilft. Vor allem wenn Zeit da ist, wo es auch mal langweilig werden kann, da fangen die interessanten Sachen eigentlich erst an. Wohingegen alles, was sehr eng gefasst ist in der Zeit, auf mich wie eine Pseudohandlung wirkt.

Andrea Steckert:
Ja, was du beschreibst kann ich gut nachvollziehen. Ich erlebe auch, dass Organisationen und Unternehmen ihre gewohnten Maßstäbe von Effizienz anzulegen versuchen. Diese sind unter Umständen andere als jene, die in Reflexionsprozessen oder auch in Lernprozessen notwendig sind – das erfordert Klärung. Auf der anderen Seite kannst du auch mit ganz kurzen Maßnahmen große Effekte erzielen. Ich verweise nochmal auf das Interview mit Till Steinbrenner: Wenn du das Büro bei VW im zweiten Stock abbrennst, dann geht das vielleicht ganz schnell und du hast einen Wahnsinnseffekt. Das geht Ruck Zuck. Und überlege mal die Wirkung, die du hast – die wäre massiv. Ob diese Wirkung sinnvoll ist, bestimmt in angewandten Fragestellungen allein das Ziel, um dessen Erreichung es geht, sowie die Rahmenbedingungen. Was ist das Ziel? Geht es um Exploration, z.B. zu der Frage: „Wie reagieren VW-Mitarbeiter unter außergewöhnlichen, internen Umständen?“ Da könnte die Intervention sinnvoll sein.

Guido Kratz:
Wenn ich das dann gemeinsam mit den anderen Werktätigen mache, dann ist die Wirkung noch größer.

Andrea Steckert:
Ja, geteilte Erfahrung verstärkt die Wirkung häufig um ein vielfaches. Wie viele und welche Beteiligte es braucht, kommt ebenfalls auf die Voraussetzungen und das Ziel der Maßnahme an. Wenn da wie bei deinen partizipativen Netzwerkbildern ein ganzer Team-Reflexions- oder Lernprozess stattfinden soll, geht das ja übrigens auch nicht auf Knopfdruck, auch nicht mit Ansage: „Mitarbeiterin, jetzt sei einmal ganz kreativ!“ Das geht für jemanden der hochgradig in kreativen Prozessen geübt ist, der kann das vielleicht ganz schnell. Es kommt immer darauf an, was für Menschen zusammen kommen, wie die Situation ist, wie die Aufgabe. Was will ich am Ende erzielt haben? Das macht unsere Arbeit ja so spannend, keine Prozesssituation ist mit einer anderen identisch. Ganz wichtig scheint es mir, sich durch die Auftraggeberinnen praktisch nicht einschüchtern oder treiben zu lassen. Ihre Aufgabe ist es Ressourcen zu sparen, die Aufgabe in möglichst knapper Zeit zu erledigen und möglichst wenig Geld dafür auszugeben, das ist ihre Vorgabe. Gleichzeitig ist ihre Vorgabe aber auch, dass sie Qualität einkaufen sollen, es muss am Ende funktionieren. Und wenn jemand, der diese Art Dienstleistungen anbietet, weiß, die besprochene Qualität lässt sich nicht unter einer bestimmten Zeit herstellen, es wird nicht funktionieren, dann ist dies mitzuteilen seine Verantwortung, die wahrgenommen werden muss. Tut sie dies nicht, ist die Person einfach in dem Bereich völlig fehl am Platze.

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Gemeinsam gewünschte Qualitäten herstellen

Guido Kratz:
Die Kunstschaffenden müssen also so viel Verantwortung mitbringen, dass sie auch eine Wand aufbauen können gegen bröckelnde Qualitätsstandards. Wenn ich etwas niederschwelliger machen soll oder in kürzerer Zeit, dann kann ich unter Umständen nicht mehr in guter Qualität liefern.

Andrea Steckert:
Also ich finde das Bild der Wand nicht geeignet. Die Qualität der Auftragsarbeit fängt bereits in dem Gespräch mit den Auftraggebern an. Und wenn ich als Kunstschaffende arbeite, brauche ich die Kompetenz die herzustellen, wenn ich so etwas anbieten will. Also die Künstlerin, die im Atelier arbeitet und dann ihre Bilder an die Galerie gibt, hat eine etwas andere Situation. Die Galerie, oder ein Agent ist ihre Vermittlungsstelle zum Kunden. Wenn ich ohne diese Vermittlung arbeiten will, dann ist es notwendig, dass ich die Auftraggeber praktisch erst einmal orientiere, sie erst einmal in Kenntnis setze über alles was es dafür braucht, um erfolgreich Entwicklungsprozesse zu unterstützen. Und wenn ich sie als das Böse mir gegenüber sehe, das mich quasi quälen will, oder meine Kompetenz anzweifelt oder was auch immer, dann habe ich diesen Prozess am Anfang schon nicht sehr geeignet angeleitet. Der Auftraggeber, die Auftraggeberin, so unwissend oder fordernd sie auch sein mögen, sie sind nicht der Feind. Im Gegenteil, sie sind die, denen wir in ihrem Prozess Unterstützung auf Augenhöhe anbieten. Mit zu bedenken ist auch, dass sie häufig ihren Vorgesetzten verpflichtet sind. Sie gehören mit zu unserem System, diesen ganzen Prozess müssen wir einbeziehen und halten können. Wenn wir feststellen, dass es aus irgendwelchen Gründen nicht verantwortlich geht – dann geht es eben nicht. Das ist durchaus akzeptabel.

Guido Kratz:
Ja, der Prozess geht schon los, wenn man die ersten Gespräche miteinander führt, das ist mir schon bei meinen ersten Auftraggebern aufgefallen. Denn erst nach Gesprächen kann ich mir als Künstler überhaupt ein Bild davon machen, was will der Auftraggeber erreichen, wie kann ich ihn unterstützen. Es stimmt, der Prozess fängt mit dem Erstgespräch an. Ich vergleiche es oft damit: Manchmal fängt man etwas an, was man dann auch wieder lässt. Weil es nicht funktioniert, wegen des Materials, oder anderer Dinge. Das sind eben Versuche, die man gemacht hat und die aus künstlerischer Sicht auch viel Erfahrung bringen, aber es ist trotzdem kein Werk daraus entstanden.

Andrea Steckert:
Das ist ein schönes Bild, finde ich. Also ich stelle mir gerade vor, dass du als Künstlerin oder Künstler praktisch durch die Welt gehst und sagst :“ Ich bin einfach freie Künstlerin oder Künstler, mein Wirken fängt in dem Prozessgespräch an“, vielleicht fängt es aber auch schon vorher an, wo Menschen meine Website etwas anderes von mir gesehen haben. Also sich eher als Teilchen zu verstehen, was eine künstlerische Aufgabe hat in dieser Gesellschaft und einfach wirkt in Verbindung mit anderen solchen Teilchen.
Klar, wenn es dann um den bezahlten, angewandten Auftrag geht, dann braucht es ein Verkaufsgespräch, in dem zu klären ist, ob dies eine für beide Seiten befriedigende Arbeitsbeziehung werden kann. Kommt kein Auftrag zustande empfinden Künstler und Künstlerinnen es häufig persönlich so, dass ihr Werk abgelehnt wird oder ihre bestimmte Art zu arbeiten, dabei geht es in Auftragsarbeiten viel mehr um die Frage: Passt die künstlerische Ausrichtung und Kompetenz zur Aufgabe und kann ich hier wirklich etwas tun? Oder nicht.

Guido Kratz:
Das setzt schon viel Reife voraus und vor allem auch viel Erfahrung, dass man sich nicht selbst abgelehnt fühlt. Ich stelle mir jetzt gerade vor, ich arbeite vielleicht jetzt gerade als Tänzer, als Schauspieler, Musiker, also gerade da, wo du künstlerische Tätigkeit produzierst, die direkt mit deinem gegenwärtigen Tun zu tun haben. Aber dann wirst du fünfmal hintereinander abgelehnt, dann ist das sehr schwer das so zu sehen, wie du das gesagt hast. Nichts desto trotz finde ich das natürlich richtig. Du hast jetzt schon ein paar Dinge beschrieben, welche Eigenschaften Künstler eigentlich haben müssten, um in diesem Geschäft, mit Organisationen und mit Unternehmen zu arbeiten, zu bestehen. Gibt es da noch weitere Eigenschaften, die wichtig wären?

Andrea Steckert:
Na ich denke, vielleicht lesen deine Interviews ja auch Unternehmerinnen und Unternehmer und aus dieser Sicht finde ich es auch nochmal sehr wichtig, darüber nachzudenken, was kann ich von den Künstlerinnen und Künstlern erwarten? Was können die meinem Unternehmen bringen? Und weiß ich schon genug darüber, welche Potenziale darin stecken? Was kann Kunst und Kultur für diese Prozesse, die uns hier gerade massiv auf den Füssen stehen, leisten? Und da sehe ich aktuell wirtschaftlich und gesellschaftlich ganz dringlich den Punkt der Horizonterweiterung. Es ist tatsächlich so, ich kann mir als Unternehmen, als Organisation Berater einkaufen, die mir aus einer äußeren Perspektive blinde Flecken aufzeigen und frische Impulse geben können. Und dann gibt es eben auch Künstlerinnen und Künstler die nochmal ganz anders drauf gucken, die quasi eine ganz andere Brille aufhaben und die mit ihren Sichtweisen konventionelle Denk- und Gewohnheits-Muster durchbrechen können. Ich will damit nicht sagen sie sehen besser, sondern aus neuen, unkonventionellen Perspektiven. Und viel freier. Die dann tatsächlich Dinge in diesem Themenfeld, in dem die Organisation oder das Unternehmen tätig ist, noch ganz andere Gegebenheiten, Zusammenhänge, Potenziale, etc. sehen, viel freier, ohne Grenzen, als das die anderen Gruppen könnten. Diese Fähigkeit ist gerade bei vielen Aufgaben unserer Zeit sehr relevant, wenn wir beispielsweise über Lösungen zu den sich häufenden, sogenannten disruptiven Veränderungen durch das Internet nachdenken. Ihr hattet in einem anderen Interview das Wandel-Beispiel von den Kutschen zum Auto, das Henry Ford dann in Serienanfertigung gebaut hat. Das ist eine sehr massive Veränderung, nach der die Kutsche dann einfach nicht mehr da war. Und so gibt es auch andere Veränderungen, vom Telefon hin zum Smartphone. Oder dass Kodak beispielsweise, auch eine disruptive Veränderung, als einer der Marktführer, im nächsten Moment weg war vom Fenster, als keiner mehr diese Filme brauchte. Das war, als die digitale Revolution begann. Da gibt es ganz viele Veränderungen, die in der nächsten Zeit auf uns zukommen werden, nach denen wir in einer komplett anderen Welt leben werden. Schon in dreißig Jahren, diese Zyklen der Veränderung, nehmen ja dramatisch Fahrt auf.
Zum Beispiel erzählten mir meine Kinder vor drei Tagen von dem neuen „Pokémon GO“-Spiel. Diese Idee könnte der Schritt in eine völlig neue Kommunikationswelt sein, wo sich digitales und analoges treffen. Und was daraus alles für Unternehmen und Organisationen entstehen könnte. Das sind wirklich ganz andere Sichtweisen, die hier entstehen. Das ist etwas, wo man von alten Denkmustern ablassen können muss, um sich das überhaupt vorstellen zu können. Hier hilft diese Qualität des freien Denkens, die Künstlerinnen und Künstler trainiert haben. „Es könnte wirklich alles ganz anders sein“. Und es wird in unserer unmittelbaren Zukunft alles ganz anders sein, soviel ist sicher. Das ist ein wirtschaftlicher Faktor, der schon heute bei Unternehmen und Organisationen eine Rolle spielt. Ihre Existenz hängt davon ab, wie gut sie als Organisation neu und anders denken lernen. Neues Denken kann nicht von heute auf morgen entwickelt werden. Künstler haben dafür einen Beruf ergriffen und trainiert. Sie können ihre Perspektiven und Erfahrungen weiter geben. Aber ich glaube es geht viel weiter. Du fragtest nach Eigenschaften, die Künstler brauchen, um mit Organisationen arbeiten zu können. Meines Erachtens werden diese Kunst-Richtungen für Organisationen immer interessanter, wo Künstlerinnen und Künstler die Menschen mitnehmen in ihre Denkwelt, in ihre Kunstwerke, wo sich Grenzen zwischen Kunst und alltagspraktischer Kultur auflösen, wo Menschen Teil des Kunstwerkes werden und einen Geschmack davon bekommen, was es heißt so zu denken. Das ist wie jemanden an die Hand nehmen, in neue Wahrnehmungsräume und Denkwelten.

Und in dieser Hochform, wie das freie Künstler können, wird das die Mitarbeiterin oder die Bürgerin oder eben nicht über Nacht lernen. Kompetenzunterschiede bleiben. Wie eben beispielsweise niemand von einem Starpianisten über Nacht mal eben schnell lernt, wie ein Starpianist Klavier zu spielen. Künstler können artikulieren, wie sie denken, aber vieles lässt sich gar nicht in Worte fassen, das muss man angeleitet erleben und sich selbst erarbeiten. Erfahrungswissen, das auch auf der physischen Ebene erlernt wird. Wenn ich mal in der Hitze vor einem abbrennenden Büro stand, werde ich ein ganz anders körperliches Erfahrungswissen haben, als wenn mir jemand von einem abbrennenden Büro erzählt. Das ist eine Art von Erleben und Wissen, welches dazu führt, dass viel schneller verinnerlicht werden kann. Ich arbeite ja u.a. im Klimaschutz und sprach vorhin von den Polkappen, die abschmelzen. Wenn mir das jemand erzählt, dann ist es oft schnell so, dass sich Gedanken dazwischen schieben wie „ja und ich hab jetzt aber auch andere Probleme hier vor Ort in meinem Leben“. Es fällt mir schwer, mir das Ereignis vorzustellen. Wenn mir jemand Bilder davon zeigt, dann ist es schon mal etwas anderes. Eine weitere Steigerung ist es, wenn dir jemand einen Film davon zeigt, wie das Eis abschmilzt, der Eisbär verhungert, was gestiegene Wasserstände für viele Menschen für Existenzvernichtungsaspekte haben. Wenn ich hautnah mit Betroffenen spreche, finde ich auch emotional Zugang. Das gilt übrigens auch für positive Aspekte, das kann in beide Richtungen gehen. Wenn ich selber im Kriegsgebiet stehe und sehe, wie die Menschen aus Gründen der Klimaveränderungen vor meinen Füßen verhungern oder sich umbringen, dann werde ich das ganz schnell verinnerlichen, dann brauche ich nicht lange. Das Ereignis teilt sich mir über mein gesamtes Wahrnehmungs-System mit. Gute Geschichten, Storytelling in Theater oder Kinofilmen, können mich auch in ihren Bann ziehen, aber es dauert länger. Da wir aber nicht alle an den Nordpol fahren oder ins Kriegsgebiet gehen können, bleibt uns für unsere Transformationsprozesse den Wert künstlerischer Möglichkeiten zu erkennen und in jeder Form bestmöglich zu nutzen.

Qualität und die Einbindung kreativer Arbeit im Entwicklungsprozess

Guido Kratz:
Es gibt ja künstlerische Tätigkeiten, zum Beispiel du hast den Klavierspieler erwähnt, den Pianisten, der muss viele Jahre lernen um ein Klavier überhaupt bedienen zu können und um auf ein hohes Level zu kommen. Das gilt ja für alle Kunstsparten. Dann gibt es aber seltsamerweise so einen Bereich, wie die bildende Kunst, die an keinen Material mehr gebunden ist, die Performancekunst zum Beispiel, wo das scheinbar nicht gilt.

Andrea Steckert:
Doch, dort auch. Aber es ist nicht an Material gebunden, es ist u.a. eine Form des Denkens.

Guido Kratz:
Ja es ist eine Form des Denkens und das kann man nicht sehen. Man sieht den Schauspieler, man hat sofort ein Gefühl dafür, das ist ein Volksschauspieler, das ist ein genialer Schauspieler, da ist ja oft schnell eine Einigkeit da. Der oder die kann Liebe und Glück wunderbar darstellen, auf Knopfdruck sofort, ein anderer kann das nicht so gut. In der Musik und im Theater. Das ist schon mal die eine Sache, man kann natürlich so etwas als Prozess in einer Organisation oder Unternehmen nicht so rüber tragen. Man kann nicht jemanden ganz schnell Theaterspielen beibringen. Was ja immer, wenn man Musik lernt oder tanzen lernt, dann lernst du lange die Technik, das wird dir eingebimst, regelrecht. Und wenn du dann nach zehn Jahren das gelernt hast, dann bist du ein exzellenter Techniker aber nicht unbedingt ein Künstler. Ich weiß zum Beispiel von einer befreundeten Konzertgeigerin, die spielt Geige in einem großen Landesorchester, die versteht sich selbst eher als Handwerkerin und nicht als Künstlerin. Es geht ja bei dem Künstlerberuf oder der künstlerischen Ausübung einer Sache oft um die Frage: Halte ich mich an die Technik, die ich gelernt habe, die von allen anerkannt ist oder probiere ich jetzt etwas völlig neues aus? Diese Waagschale, auch im professionellen Bereich, so zu behalten, ich denke das ist ja auch ein Problem was viele Organisationen und Unternehmen haben. Du kannst deinen Stiefel durchziehen, exzellente Technik abliefern. In der Autoindustrie, da kann man das sehr schön beobachten finde ich: Die Technik und die Art der Technik, ist exzellent, ist Weltführerschaft, die besten Autos der Welt werden in Deutschland gebaut. Man sieht jetzt schon, ich finde man kann spüren, das da irgendetwas nicht mehr stimmt, man klimpert immer dieselbe Melodie, aber es führt zu nichts und das passiert einem Musiker oder Tänzer auch, der sich immer nur an der Technik orientiert. Er kann die Technik aber nicht loslassen, dann wäre er kein Musiker mehr, also er kann nicht ohne das. Und diese Gratwanderung, wie viel kreativen Impuls lasse ich zu ohne alles zu zerstören. Oder, das was Till Steinbrenner mit seinem Büro abbrennen letztendlich meint, wie viel Struktur behalte ich, die bewährt ist? Denn nur dann findet eine Veränderung statt. Natürlich, man kann auch alles zerstören, so wie im Krieg, daraus entsteht dann natürlich auch etwas neues, völlig klar. Man kann in solchen Dimensionen denken, das tun ja auch viele bedauerlicherweise.

Andrea Steckert:
Wenn ich die Frage heraushöre: „Wie kann das gehen, wie kann ich wirklich künstlerisch arbeiten und nicht gleichzeitig alles loslassen?“ Dann fällt mir auf Unternehmen und Organisationen bezogen die Möglichkeit ein, dass man freie Räume schafft und sagt, das hier ist jetzt mal unser kontrolliertes Experiment. Oder auch die individuelle Führungskraft für sich. Hier gibt es etwas, wo wir wirklich loslassen, wirklich freies Denken zulassen, und da kann eben auch alles Mögliche ausprobiert werden. Da kann auch was schief gehen, da dürfen Versuche auch mal nicht funktionieren, wie auch immer. Wie ein Experiment in einem Atelier oder einem Labor. Wir haben dann ein Spielbein und das Standbein wo wir unser tägliches Brot einfahren, wo wir Innovation nur sukzessive übernehmen. Es kann sich auch eine Innovation ergeben die das gesamte vorherige Geschäftsmodell infrage stellt, wo man dann kalkuliert sagt, jetzt switchen wir um. Solche Modelle zur Systemumstellung gibt es bereits in der Wirtschaft. Du hast die handwerkliche Technik beim Klavierspielen angesprochen, da kenne ich mich nicht so aus. Aber was mich mal sehr beeindruckt hat, waren Erfahrungsberichte japanischer Bogenschützen, die ich begleitete. Wenn Meister von einem Level auf das nächste kommen wollten, mussten sie bereit sein, ihr komplettes System aufzugeben. Dann treffen sie erst mal gar nicht mehr. Sie wissen auch nicht ob sie je wieder in der einmal erreichten Qualität oder besser treffen werden. Es gibt keine Garantie. Es ist so, man muss bereit sein loszulassen. Und wie gesagt, wenn die Existenz eines ganzen Unternehmens mit allen Arbeitsplätzen daran hängt – jetzt hop oder top, entweder es klappt oder es klappt nicht – wäre dieser Schritt natürlich unverantwortlich. Den ganzen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gegenüber, auch sich selber gegenüber. Man versucht dies zu vermeiden, sei denn man ist lebensmüde. Das macht Systemtransformation so schwierig. Aber dieses „ich erschaffe mir Freiräume“ ist möglich. Diese Freiräume halte ich für ganz wichtig, nicht nur im Ausprobieren ganz neuer Geschäftsmodelle sondern auch für die ständige Reflexion, um Prozesse navigieren zu können. Wenn ich im Unternehmen gar nicht die Möglichkeit habe, im laufenden Prozess, mal nicht zweckgebunden zu denken, sondern zu überlegen: Wo stehe ich denn jetzt gerade, als individueller Mitarbeiter aber auch als Gruppe oder wir als Organisation? Will ich das überhaupt noch so, wie es gerade läuft oder sollte nachgesteuert werden? Wirklich wahrzunehmen, wenn sich das feine Gefühl meldet, irgendetwas läuft gerade schief – darauf kommt es an! Aber wenn ich den ganzen Tag im Hamsterrad bin, merke ich nicht mal, dass ich weiß, dass es nicht so gut läuft und dass ich andere Möglichkeiten hätte. So nehmen wir uns in Prozessen eine wichtige Möglichkeit der Navigation, die Impulse aufgreift, die uns über Intuition eigentlich ständig zur Verfügung stünden. Auch zu diesem Feintuning kann auf kreative Weise über künstlerische Praxen gelernt werden.

Ich möchte auch nochmal etwas Generelles über die aktuelle Situation der Kunst- und Kulturschaffenden sagen. Ich als jemand, die die Situation vieler Künstler und Künstlerinnen aus unterschiedlichen Blickwinkeln näher kennenlernen durfte, die Entwicklungen beobachtet, kann sagen: so wie wir im Moment mit Kunst- und Kulturschaffenden in unserer Gesellschaft umgehen, wird uns das auch nicht richtig weiterbringen. Wir versorgen sie nicht ausreichend. Wir binden sie aktuell weder ausreichend in diese experimentellen Laborsituationen der Wirtschaft ein, von denen ich sprach, noch ausreichend in sonstige wirtschaftlich und gesellschaftlich relevante Prozesse. Da ist dringend ein Umdenken notwendig. Ich fand neulich ein Spruch mal ganz inspirierend, den ich in einem kleinen Laden gelesen habe. Da stand: „Ein Zehntel für die Energie von Kunst und Gespräch“. Das meinte, man kann in den Laden auch hereingehen, so wie bei dir hier im Atelier, und schöne Dinge oder Arrangements sehen, die inspirieren. 1/10 des Budgets sollte investiert werden in die Energie von Kunst und Gespräch. Ich habe in dem Laden nichts gekauft, aber etwas in das dafür vorgesehenen Fischobjekt gespendet. Ich halte diese Art von Energie, die inspiriert, sehr wichtig für unsere aktuellen Prozesse. In dem strukturierten Großgruppenverfahren Open-Space-Technologie sorgen Menschen, in der Rolle der sogenannten Schmetterlinge, für diese Qualität. Schmetterlinge haben die Funktion zu einer kreativen und inspirierenden Prozess-Atmosphäre beizutragen. Eine freiwillige Leistung, deren Bedeutung für das Gelingen des ganzen Prozesses meistens unterschätzt wird.

Genauso beeinflussen Kunst- und Kulturwerke, auch wenn sie nur in der Organisation oder als Objekt im öffentlichen Raum stehen, meiner Meinung nach Prozesse – in konstruktiver oder auch destruktiver Weise. Die Wirkung ist zwar nicht so richtig greifbar, aber alleine indem das Objekt oder ein künstlerische Aktion da ist, hat es eine Wirkung in dieser Organisation, oder auf irgendeinem Platz oder wo auch immer. Selbst wenn die Leute gar nicht sagen können, was es denn eigentlich macht, es hat auf jeden Fall eine Wirkung. Genauso ist es, wenn ich Menschen in der Organisation treffe, die Dinge auf eine andere Art und Weise tun, die mich und einige Kollegen und Kolleginnen in unserem Prozess inspirieren. In einigen Prozessen nennen wir sie Change-Agents, die neue alltagspraktische Kulturen einführen. Das sind wichtige kulturelle Leistungen, die im Moment von unserer Gesellschaft nicht angemessen gesehen, honoriert oder gar weiter kultiviert werden, sondern oft einfach mitgenommen werden. Und diese Mitnahme, dieses achtlose Konsumverhalten, ist etwas, glaube ich, was wir uns nicht mehr leisten können. Wenn wir Transformationsprozesse intelligent gestalten wollen, dann ist es wichtig, feiner hinzuschauen, diese Qualitäten zu erkennen, wertzuschätzen und auch zu fördern. Dazu gehört auch, dass solche Menschen, die einen großen Teil ihrer Ressourcen der kreativen und kulturellen Gestaltung unserer Gesellschaft widmen, irgendwie finanziell abgesichert werden. Der aktuelle Umgang mit Menschen, die künstlerische Kompetenzen in langer, aufwendiger Übung entwickelt haben, ist auch im Sinne der Erreichung unserer globalen und nationalen Prozessziele nicht nachhaltig.
Diese Hintergründe sind den Menschen in Führungs- und Entscheider-Positionen überwiegend nicht klar, da sie über wenig Kenntnisse zu qualitativen Unterschieden haben und auch eine grundsätzliche, gesellschaftlich verankerte hohe Wertschätzung für künstlerische Kompetenz bislang fehlt. An diesen Stellen arbeiten neuere Bewegungen, aber es liegt noch viel Arbeit vor uns. Künstler und Künstlerinnen selber sowie ihre Vereinigungen könnten viel dazu beitragen.

Guido Kratz:
Es ist tatsächlich eine Frage der Perspektive, wenn der Starpianisten eine Mozartsonate spielen würde, dann wäre natürlich klar, dass der viel Geld kriegt dafür, denn er hat ja nun so viele Jahre dafür geübt.

Andrea Steckert:
Für Performance-Künstlerinnen ist es auch deshalb schwierig, weil Normalbürger, anders als beim Klavierspiel oder Klaviermusik hören, über keine eigene Erfahrung z.b. aus dem Freundeskreis verfügen, wie lange sich ein Performancekünstler mit Performances beschäftigt, bevor er Qualität erzeugen kann. Ja noch nicht einmal eine Ahnung besteht, was hier Qualitäten sein könnten. Es ist die Aufgabe derer, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigen, dies zu vermitteln und über die Bedeutung von Kunst für unsere Entwicklung aufzuklären. Wenn du dir anguckst, welchen Stellenwert Kunst bis heute in der Schule hat, ist die Unkenntnis im Erwachsenenalter kein Wunder. Da werden die ersten Bewertungsmaßstäbe gesetzt. Dass Kreativität und die Fähigkeit, wie in der freien Kunst, ganz eigenständige neue Perspektiven zu entwickeln, eine ganz wesentliche Zukunfts-Kompetenz ist, die wir dringend brauchen, um unsere veralteten Kulturen weiter zu entwickeln, dringt erst langsam durch. Die mangelnde Honorierung geht damit einher.

Guido Kratz:
Es ist auch nötig, sich weg von der Quantität, als etwas messbares, fassbares, in Zahlen zu gießendes, zu bewegen hin zu der Frage der Qualität, des: „wie mache ich etwas“: Wenn man sich das Quantitative, was messbar ist, überlegt, soundsoviel Wasser und soundsoviel Energieverbrauch und meistens ist ja positiv, wow, der hat viel Wasser verbraucht, wow, da wurde viel Energie verkauft, oder wow, da wurde viel Geld verdient, viel Umsatz gemacht. Das sind alles positive Begriffe, die kann man messen, die sind so konnotiert, also das ist gut. Und die Frage, wie das jemand gemacht hat, die wird zum Beispiel nie gestellt. Wenn ich als Beispiel den Tango Argentino nehme, da lernst du Schritte, und man ist am Anfang unheimlich darauf konzentriert, diese Schritte hinzukriegen und irgendwann kann man sie. Und irgendwann kommt dann mal die Frage auf, wie kann es weitergehen, wie kann ich mich noch verbessern? Weitergehen heißt die Qualität zu verbessern. Dann kommt das „wie“ ins Spiel. Du machst den gleichen Schritt wie vorher, nur eben in einer anderen Art und Weise und lernst natürlich, dass es verschiedene Arten und Weisen gibt, diesen Schritt zu machen. Es ist wirklich schwierig, das jemandem beizubringen, dazu braucht es wirklich gute Lehrer, und da trennt sich die Spreu vom Weizen ganz schnell und manchmal ist es auch schwierig, so etwas zu sehen. Nicht nur derjenige, der das beibringt, muss hochqualifiziert sein, sondern auch derjenige, der das sieht. Solange man nur das Vorwärtsgehen selbst sieht und sagt solange er vorwärts kommt, ist es gut, sieht man nicht die Qualität des Vorwärtskommens. Das ist eine entscheidende Frage, von der hängt viel ab, und das leisten zum Beispiel Künstler und das könnte auch etwas sein, was sie in Organisationen und Unternehmen leisten können.

Andrea Steckert:
Also ich war kürzlich in Berlin, bei einer Veranstaltung in der Akademie der Künste, die hieß „Selbstverbrennung oder Transformation“, es ging um künstlerische Positionen, die im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Wandel und Klimaschutz relevant sind. Es wurden zwei Videos vorgestellt. Eines von Thomás Saraceno, der u.a. durch sein Werk Cloud Citys sehr bekannt ist, und das ca. dreiminütige Künstlervideo 3ster mit Ausblick von Michael Sailstorfer und Jürgen Heinert. Zu sehen war hier ein kleines Holzhaus, das auf einer Wiese stand, eine Hütte könnte man sagen. Nach kurzer Zeit, begann der Schornstein zu qualmen. Dann sah man, im Zeitraffer, wie sich dieses Haus immer mehr verkleinerte und das eigene Holz offensichtlich verbrannt wurde. Der Ofen hat zweieinhalb Tage gebrannt, dann war Schluss. Der Ofen war aus. Das ganze Haus hatte sich selbst quasi verbrannt. Während des Zuschauens und danach klang in mir etwas an, ich konnte spüren: “Oh Sch…., der Ast auf dem man sitzt, das Haus was uns schützt, also wir haben es selbst abgefackelt, um vielleicht zu heizen. Da stand nur noch der Ofen, das Haus war weg, die Hütte war verbrannt. Das ganze brauchte nur zweieinhalb Tage, das war nicht sehr lang. Ich hätte gedacht, das dauert länger, aber nach zweieinhalb Tagen war alles Holz weg. Das sind Perspektiven, die können Künstlerinnen und Künstler geben. Das war ein starkes Video, was mich echt überzeugt hat. Ganz sparsam, ganz schlicht. Nur 3 Min. lang, aber die Botschaft war für mich blitzschnell sehr klar und ging eindrücklich in die Tiefe. Hohe Kunst – auch im Vergleich zu vielen anderen Videofilmen, die mir bekannt sind. Denn da wurden sehr effektiv Denkprozesse angeschoben. Das kann gute Kunst.
In unserer komplexen Welt kann dir ja z.B. niemand mehr vollumfänglich zeigen, wie du in deinem Kontext von A bis Z nachhaltig leben kannst, den kleinstmöglichen Fußabdruck hinterlässt. „Lebe ich eigentlich nachhaltig? Wie könnte ich nachhaltig leben?“ Es kann einen nur Inspirationen geben, die dich in eigene Schritte zur erfolgreichen Entwicklung führen und vielleicht nach einiger Zeit nochmal an ticken und sagen: “Hallo, geht der Prozess noch weiter?“

Erfolgreich neue Wege gehen

Guido Kratz:
Und wie würdest du dann sagen, wann ist denn ein künstlerischer Prozess in einem Unternehmen ein Erfolg? Ich stelle mir vor, jemand in einer Organisation will jemanden als Künstler engagieren und muss sich dann ja nach einiger Zeit auch fragen: „Hat das jetzt was gebracht, hat es etwas genutzt oder nicht?“

Andrea Steckert:
Das ist ganz einfach, vor jeder Prozessgestaltung stellen wir am Anfang die Frage: „Was soll dabei herauskommen, was will der Auftraggeber?“ Wenn das erreicht ist, ist es ein Erfolg. Wenn es nicht erreicht ist, ist es vielleicht ein Teilerfolg oder gar kein Erfolg. Und das macht nochmals den Punkt deutlich, dass ein Auftrag mit dem Briefing beginnt. Ein ganz wesentlicher Teil insbesondere des Beratungs- und Designprozesses ist es, zusammen mit dem Auftraggeber herauszufinden, was die eigentliche Aufgabe, das Ziel ist? Das ist ein wichtiger Teil der gemeinsamen Arbeit. Wenn es dann mit der Konzeption, der Gestaltung der Maßnahme losgeht, ist der Rahmen, in dem ich mich frei bewegen kann, klar. Das ist ein wesentlicher Punkt: Erfolg ist, wenn das Ziel erreicht wurde. Wobei Zielstellungen im Laufe des Prozesses auch nachjustiert werden können. Auf dieser Basis erfolgen Evaluationen und Auswertungen der Maßnahmen.

Guido Kratz:
Das Ziel wurde quasi selbst definiert.

Andrea Steckert:
Genau! Es hängt von der Situation ab, von dem, was für notwendig erachtet und verabredet wurde.

Guido Kratz:
Das heißt , wenn man das anders herum denken würde, Der Unternehmer holt einen Künstler, um die Belegschaft zu motivieren und das müssen wir hinterher am höheren Umsatz ablesen. Also der Künstler war da und nach einem Jahr müsste dann eigentlich der Umsatz höher sein. Das wäre ja nochmal eine andere Zielvorgabe.

Andrea Steckert:
Na ja, dann wäre als erstes zu klären, wie soll denn der Umsatz gesteigert werden? Das kann ein Ziel sein, natürlich, dann ist es ein Umsatzziel, kein Entwicklungsziel. In diesem Fall ist es wichtig zu klären, wie soll diese Steigerung des Umsatzes erfolgen und wie realistisch ist es, dass diese Strategie Erfolg haben wird. Es gibt unglaublich viele Strategien, den Umsatz zu steigern. Eine Strategie könnte sein man kauft das Werk eines total wertbeständigen, bekannten Künstlers ein und da weiß ich, seine Werke steigen im Wert so-und-so-viel, das sehe ich an der Entwicklung der letzten Jahre. So arbeiten ja viele Banken. Da sind Kunstwerke einfach eine Wertanlage und nebenbei hängen sie auch noch imagefördernd in den Räumen. Das ist werthaltiger angelegtes Geld als auf dem Bankkonto und das bereits seit vielen Jahren. So sind ganze Kunstsammlungen entstanden, als Wertanlage. Nicht weil die Leute die Kunst so toll fanden. Das müssen wir mal so knallhart festhalten.

Guido Kratz:
Ja, die deutsche Bank ist so ein Beispiel, die haben glaube ich, eine der wertvollste Kunstsammlung in vielen, auch internationalen, Dependancen aufgebaut.

Andrea Steckert:
Der Kunstmarkt scheint mir sehr skurril, das ist eine Welt für sich. Also das ist noch einmal ein ganz anders Feld, mit dem ich mich nicht beschäftigt habe.
Die Kunst-Landschaft oder vielleicht besser den Kunstmarkt kann ich von Zeit zu Zeit aus meiner täglichen Prozess-Arbeit heraus beobachten, indem ich Akteure unterschiedlicher Bereiche treffe, so wie dich, und mich mit ihnen Themen bezogen austausche. Der Kunstmarkt ist, übrigens genau wie der Beratermarkt und viele andere, mittlerweile so unglaublich ausdifferenziert, da muss der Künstler zu seiner Selbstvermarktung noch viel mehr leisten als früher. Zudem, dass er sich selber erklären muss und auch den ganzen Kunst-Kontext. Für mich sind spannende Fragen: Was Kunst überhaupt bewirkt. Und wenn man an Neurowissenschaften denkt, was Bewusstseinsarbeit überhaupt bringt, auch für Unternehmen und Organisationen. Was ist künstlerisches Denken, was kann künstlerisches Denken und Arbeiten, insbesondere auch nicht materielles, zur Transformation beitragen? Gibt es Wissen, Erfahrungen zu Vorgehensweisen, die Menschen und Organisationen helfen, die Transformation zu gestalten oder überhaupt mitgehen zu können. Die helfen Antworten auf viele Fragen zu finden, die sich bis zum heutigen Tag noch nie so gestellt haben, für die es gar keine Vorbilder gibt, aus denen heraus wir etwas beantworten könnten. Wie wollen wir die Anpassung an den Klimawandel schaffen und das von uns zugesagte 2 Grad-Ziel in der Klimaerwärmung einhalten? Das ist eine völlig neue Frage, die können wir aus keiner historischen Erfahrung heraus vorstellen oder gar beantworten. Das gleiche gilt für den demografischer Wandel und die Globalisierung. Die plötzliche Erkenntnis, dass wir alle eine große Familie auf dem Planeten sind. Und wenn wir das nicht akzeptieren und verinnerlichen, um uns gemeinsam neu auszurichten, dann wird es wirklich ungemütlich. Da mal gedanklich und bewusstseinsmäßig ran zu kommen, dass es eben nicht nur mein Kiez ist, oder mein Land, um das es geht – das ist eine unglaubliche Herausforderung.

Guido Kratz:
Da kann Kunst auf jedenfalls einen großen Beitrag zu leisten. Das habe ich eigentlich erst richtig beim Tango Argentino gelernt, obwohl ich schon so lange mit Keramik und Malerei arbeite. Dass die Dinge alle zusammen gehören. Wenn ich tanze, dann ist der Tänzer und die Tänzerin da, dann ist aber auch das Publikum gleichzeitig da, denn ohne das Publikum würde es keinen Spaß machen.

Andrea Steckert:
Nein?

Guido Kratz:
Nein, denn sonst würde man ja zuhause zu zweit tanzen, das gibt es wenn man verliebt ist, oder unbedingt mal allein sein will oder übt, aber das übliche Tanzen ist immer mit Publikum.

Andrea Steckert:
Dann wäre das schon angewandtes Tanzen!

Guido Kratz:
Nein, weil es besteht ja kein Auftrag, das mache ich ja freiwillig!

Andrea Steckert:
In gewisser Weise schon, das Publikum kommt ja mit einer gewissen Erwartungshaltung.

Guido Kratz:
Ja, aber das Publikum ist ja auch gleichzeitig der Tänzer oder die Tänzerin.

Andrea Steckert:
Ach so, okay.

Guido Kratz:
Da wird es nämlich interessant. Und es kommt noch die Musik dazu. Die Milonga, also die Gesellschaft aller, die den Tanz genießen, die Tänzer und Tänzerinnen die dabei sind, alles ist eins. Wenn man eines dieser Element wegnehmen würde, dann bricht das ganze Konstrukt zusammen. Und ich finde, das ist mir dann klar geworden, bei vielen Dinge ist es ähnlich: bei der Musik, die besteht aus den Musiker dem Instrument, dem Raum und dem Hörer. Und komischer Weise ist das nie so richtig Gegenstand der Diskussion. Es sind immer nur einzelne Dinge, der tolle Sänger, der tolle Gitarrist und so weiter, das wird thematisiert, darüber wird geredet, warum sind die so toll? Weil die einen neuen Sound kreiert haben und so weiter. Aber es gibt soviel, die kreieren dauernd neue Sounds, aber es merkt kein Mensch. Das war jetzt ein Beispiel, in der Malerei ist es das Gleiche: Du brauchst immer alles, du brauchst das Material, die Leinwand die Farbe, das was beim tanzen die Musik ist, Du brauchst denjenigen der es macht und diejenigen die zuschauen. Dieses Bewusstsein dafür, dass es im Grunde eins ist und dass ich mal auf der einen und mal auf der anderen Seite bin und eigentlich nur der Grad meines Könnens, meiner Fähigkeiten unterscheidet, wie weit ich gehen kann.

Andrea Steckert:
Also ich finde du hast es sehr schön beschrieben. Ich denke auch, dass die Erfahrung, dass es alles zusammenhängt, dieses Ganzheitliche oder das System mit vielen Subsystemen, dass alles mit allem zusammenhängt. Diese praktische Erfahrung zu machen, das ist wichtig, um sich auch als Teil des Ganzen zu empfinden. Sowohl von der Verantwortung her als auch von den Möglichkeiten. Das ist das große Potenzial was dir zur Verfügung steht. Wenn du dich als eins empfindest, ist dein Gestaltungsspielraum ja auch viel größer. Nicht nur für dich als Person, sondern indem du Einfluss nimmst auf dein Publikum, veränderst du es und das wiederum hat eine Wirkung auf dich. Die Energie steigt, die Arbeit/der Tanz wird flüssiger, du kannst viel besser in Bewegung, im Prozess sein. Wenn du das so über das Tanzen erfahren hast, dann ist das ein wunderbares Beispiel, wie man das in ganz unterschiedlichen Lebensumfeldern erfahren kann.
Eine Frage, die mich umtreibt ist: Wie kommunizieren wir miteinander, so dass sich die kollektive Intelligenz entfalten kann? Du kommunizierst ja beim Tanzen auch durch Bewegung, nonverbal, multisensuell. Intelligente Kommunikation, ist mir auch ein wichtiges Anliegen, denn sie kann ermöglichen, dass wir alle viel intelligenter zusammen arbeiten können. Wenn ich es durch verschiedene Praktiken geübt habe wahrzunehmen wie mein Umfeld auf Situationen reagiert oder wie ich auf das Umfeld wirke, wenn zurückschwingt wie mein Umfeld überhaupt drauf ist, was es braucht oder geben kann, dann kann ich viel schneller auch in einer Gruppe etwas verändern, gemeinsam gestaltend tätig werden. Auch hierzu haben einige Performance-Künstler*innen bereits gearbeitet. Der Künstler denkt vielleicht eher für sich, manchmal auch in Gruppen, zum Beispiel ein Künstlerpaar. Solche Fragen sind für Unternehmen oder die Gesellschaft ganz wichtig: Wie werden wir insgesamt intelligenter? Als Gruppe komplex denken zu können, ist wichtig, u.a. für die globalen Nachhaltigkeits-Fragen, die wir zu lösen haben. Weil diese eben sehr komplex sind und unendliche viele Aspekte haben, die sich ständig verändern. Wenn ich jetzt ein bisschen Energie spare und weniger CO² raus haue, damit ist es noch nicht getan. Es müssen weltweit Verhaltensänderungen, Systemwechsel, Evolutionsschritte der Kulturentwicklung erfolgen. Dafür werden Kunst- und Kulturprojekte gebraucht, die Transformation unterstützen, die Gruppen, wie gesagt an die Hand nehmen können und in neue Denkräume führen. Du mit deinen Netzwerkbildern hast ja Gruppen in Unternehmen auch in ihren Prozessen unterstützt. Jetzt planst du mit deiner Partnerin weitere Angebote in Richtung Visual Recording, das finde ich auch super. Und mit der freien Kunst, wenn man jetzt dieses freie Denken unterstützen will, gibt es auch Möglichkeiten. Da gibt es auch Künstler und Künstlerinnen die durch ihre Kunst dazu anleiten, einladen, provozieren können. Aber diese Künstler sind noch nicht so im Einsatz wie ich mir das wünsche.

Guido Kratz:
Das ist doch eigentlich ein gutes Schlusswort , vielen Dank Andrea!

Andrea Steckert:
Ich danke dir für das Gespräch, Guido!

Andrea Steckert >>>

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